Zahnarzt entwickelt innovative Röntgen-Mess-Rolle (Dental-Barometer 06-2015)


Röntgenmessschablonen künftig überflüssig:

 

Kreativität und Erfahrung sind immanent bei der Entwicklung neuer Ideen. Eine gute Idee ergibt nicht automatisch ein neues Produkt. Das musste auch der Zahnarzt und Implantologe Dr. Heinrich Middelmann erfahren. Doch gute Ideen setzen sich in der Regel durch. Die innovative Röntgen-Mess-Rolle RöMeR® nach Dr. Middelmann kommt zur Jahresmitte in den Handel.

 

Die Diagnostik und Planung von Zahnersatz gehören zum Alltag in der zahnärztlichen Praxis. Um abklären zu können, welche Art von Zahnersatz überhaupt möglich ist, müssen die Zähne, die Kieferrelationen (interalveoläre Distanz, vertikale Relationen) und Knochenprofile (Dimension und knöchernes Profil des Alveolarkammes) beurteilt werden.

Ist Knochensubstanz in ausreichendem Maß vorhanden und die interalveoläre Distanz nicht zu groß, sind Implantate eine gute Lösung. Um die implantologische Planung nun in eine definitive Versorgung überführen zu können, ist weitere röntgenologische Diagnostik erforderlich und damit die Anfertigung einer Röntgenmessschablone unverzichtbar.

ORTHOPANTOMOGRAPHIE (OPG) MIT RÖNTGENMESSSCHABLONE

Da das OPG die tatsächliche Größe von Kiefer und Zähnen im Verhältnis von circa 1 zu 1,25 verzerrt beziehungsweise vergrößert, ist es vorgeschrieben, immer einen Referenzkörper mit abzulichten. An dessen vordefinierter Größe (in der Regel eine Metallkugel mit einem Durchmesser von fünf Millimetern) können dann mittels Dreisatz die räumlichen Verhältnisse genau ausgerechnet werden. Um diese Referenzkörper im Mundraum des Patienten zu fixieren muss im ersten Schritt eine sogenannte Röntgenmessschablone hergestellt werden. Das heißt, es müssen Abdrücke gemacht und ein Kiefermodell erstellt werden. In einem Dentallabor wird dann anhand des Modells eine Röntgenmessschablone gefertigt, welche die Referenzkörper für weitere Aufnahmen im Mund des Patienten fixiert.

Das OPG mit Referenzkörpern liefert die Daten, um die Position und Länge des Implantates präoperativ bestimmen zu können. Dazu gehören beispielsweise das vertikale Knochenangebot sowie die Strukturen im Unter- und Oberkiefer, um unter anderem die Grenzen zum Nasen- und Kieferhöhlenboden, zum Dach des Canalis mandibularis oder zum Foramen mentale beurteilen zu können.

„Die Messschablone mit Referenzkörper ist schon aus Gründen der Sorgfaltspflicht nötig, um die Platzverhältnisse und Implantatlänge definitiv berechnen zu können“, sagt Dr. Heinrich Middelmann, Zahnarzt aus München. „Doch dieser Zwischenschritt ist zeitaufwändig und erzeugt zusätzliche Kosten.“ Die Herstellung einer solchen Schablone benötigt je nach Auslastung des Labors sieben bis 14 Tage. Kosten: 150 bis 180 Euro. Diese sind – wie alle Kosten rund um Implantate – keine Kassenleistung.

Es gibt immer wieder Berichte von unzulässigen Versuchen, die Metallkugel anderweitig im Mundraum des Patienten zu fixieren: mit Sekundenkleber auf der Schleimhaut oder mit Wachs. „Das ist extrem gefährlich. Die Kugel kann die Zähne beschädigen, der Patient kann sie verschlucken oder im schlimmsten Fall sogar aspirieren“, so Middelmann weiter. Andere sinnvolle Alternativen zur Röntgenmessschablone gab es bisher nicht. Das wird sich dank der Röntgen-Mess-Rolle nach Dr. Middelmann noch in diesem Jahr ändern.

VON DER PRODUKTENTWICKLUNG BIS ZUR PRODUKTION

Gute Ideen sind oft spontan, nur meist schwierig umzusetzen. So war es auch bei der Entwicklung der Röntgen-Mess-Rolle (kurz RöMeR®). Die Fragestellung war: Wie können Zeit und Kosten minimiert und der Referenzkörper sicher fixiert werden? „Der Einfall kam über Nacht: eine Watterolle. Sie ist einfach zu handhaben, unschädlich und preisgünstig“, erinnert sich Middelmann. Sie wäre ideal als Träger für die Referenzkörper. Es gibt kein Verrutschen oder Verschlucken, und die Kugel ist in optimaler Weise fixiert. „Also haben wir damit experimentiert, die Metallkugeln in herkömmliche Watterollen zu integrieren. Über Jahre wurde ein praktisches Verfahren entwickelt, aus dem letztendlich die jetzige Mess-Rolle entstanden ist.“

Die Anwendung ist denkbar einfach. Der Zahnarzt oder die Assistenz erstellt ein OPG mit Unterstützung von RöMeR®. Diese werden auf den Kauflächen der Zähne beidseitig im Unterkiefer positioniert. So können bereits bei der ersten OPG die röntgendiagnostischen Strukturen bewertet werden. Auch wenn gar kein Zahnersatz geplant ist, ermöglicht die Anwendung von RöMeR® dem Zahnarzt, die genaue Position, die Größe und die umliegenden Strukturen anderen röntgenologischenBefunden, wie zum Beispiel Zysten oder Weisheitszähnen, ad hoc zu bestimmen. Dies führt zu einem geringeren Arbeits- und Zeitaufwand für den Zahnarzt und zu einer Kostenersparnis für den Patienten.

Sollte sich herausstellen, dass ein Implantat gesetzt werden kann, so ist es bereits beim ersten Termin möglich, den Patienten vollumfänglich zu beraten. Es sind keine weiteren Aufnahmen oder Sitzungen nötig.

Die Analyse des Marktsegmentes ergab eine stetig steigende Anzahl an OPGs in Deutschland. Wurden im Jahr 2001 pro Jahr rund 6,3 Millionen OPGs aufgenommen, so waren es im Jahr 2013 bereits 9,3 Millionen¹. Das ergibt eine Steigerung von rund 3,3 Prozent pro Jahr. Der Bedarf und das Marktpotenzial waren demnach vorhanden.

Funktionsmodell und Prototyp hatte Dr. Middelmann in seiner Praxis bereits hergestellt und getestet. Die Fertigungsvermittlung übernahm dann Andreas Aulenbach, Geschäftsführer des medizinischen Beratungsunternehmens Aulenbach & Kohler Health Care Consulting, der den Kontakt zur MaiMed GmbH suchte, einem Hersteller von Verbandmitteln, Schutz-, Pflege, Hygiene- und Medizinprodukten. „Es ist wichtig, die Produktentwicklung systematisch voranzutreiben“, erläutert Aulenbach. „Neben Themen wie Machbarkeit, Entwicklungsund Herstellungskostenkalkulation sowie Umsetzung und Vermarktung sind auch wettbewerbs und vertragsrechtliche Aspekte für Verträge und Patentschutz von größter Wichtigkeit.“

So wurde inzwischen ein umfangreiches Schutzrechtsportfolio gesichert und Patente in Europa, Amerika und Japan erfolgreich angemeldet. Der Vertrieb der Röntgen-Mess-Rolle RöMeR® soll im Herbst dieses Jahres beginnen. Der angestrebte Verkaufspreis liegt bei etwa drei Euro.

Nach zwischenzeitlich gut vier Jahren Entwicklungsarbeit haben Zahnärzte in Deutschland, Europa und weiteren internationalen Märkten die Möglichkeit, bei der Bewertung röntgendiagnostischer Strukturen auf die laborseitige Herstellung von Röntgenmessschablonen zu verzichten.

Dieser Beitrag wurde erstellt mit freundlicher Unterstützung der MaiMed GmbH.

¹Quellen: KZBV Jahresbuch 2000-2014, abgerechnete BEMA, GOZ/GOÄ Positionen

Dipl.-Ing. Dr. med. dent. Heinrich Middelmann

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