„Das könnte eine Erfolgsgeschichte werden“ (Die Zahnarzt Woche – 39/2015)


Dentale Radiologie: Röntgendiagnostik ohne Röntgenmessschablone

Orthopantomogramme sind das gängige Verfahren in den deutschen Zahnarztpraxen, wenn es darum geht, sich einen Überblick über den dentomaxillofazialen Komplex zu verschaffen. Sie haben nur einen Nachteil: Ihnen fehlen entscheidende räumliche Informationen, die oftmals notwendig sind, um die Planung in eine definitive Versorgung zu überführen. Digitale Computer- oder Volumentomographen bieten heute 3-D-Ansichten, letztere stehen aber nur wenigen hochspezialisierten Praxen zur Verfügung, und beide Verfahren bedeuten eine höhere Strahlen und auch Kostenbelastung für den Patienten.
Somit sind Zahnärzte – wenn es um die Beurteilung von interalveolären Distanzen, vertikalen Dimensionen, Knochenprofilen oder räumlichen Abständen zu Nerven und Kieferhöhlen geht – auf röntgendichte Messkörper definierten Durchmessers angewiesen, um diese Informationen zu berechnen. Bevor ein Röntgenbild mit Referenzkörper erstellt werden kann, muss bisher laborseitig eine Röntgenmessschablone angefertigt werden, um den Messkörper adäquat im Mund des Patienten fixieren zu können. Bis mit der definitiven Versorgung begonnen werden kann, sind so meist drei Patiententermine verstrichen, ein weiteres OPG sowie zusätzliche Kosten für die Laborleistungen nötig. Alle Versuche von Zahnärzten, die Metallkugeln anderweitig im Mund des Patienten zu fixieren (zum Beispiel mit Wachs), scheiterten bislang. „Das ist nicht nur unzulässig und verstößt gegen die Sorgfaltspflicht, sondern es ist auch extrem gefährlich“, sagt Dr. Heinrich Middelmann, Zahnarzt und Implantologe aus München. „Der Patient kann seine Zähne beschädigen, die Metallkugel verschlucken oder sie schlimmstenfalls aspirieren“.

Middelmann ärgerte der zusätzliche Zeit- und Arbeitsaufwand für die Herstellung der Röntgenmessschablone, sodass er damit zu experimentieren begann, die Metallkugel in Watterollen einzubetten. „In der Zahnwatte war die Metallkugel gut abgepolstert und im Mund des Patienten einfach zu fixieren“, erinnert er sich. „So könnte es eine Erfolgsgeschichte werden.“ Damit war die Idee eines Hilfsmittels für die Röntgendiagnostik geboren: die Röntgenmessrolle RöMeR.

Bis zum fertigen Produkt vergingen mehr als vier Jahre: Ein Hersteller, der ein Verfahren für die Produktion der Röntgenmessrollen entwickelte, musste gefunden, Zulassungen, Schutz- und Patentrechte mussten beantragt werden. Heute steht RöMeR kurz vor der Markteinführung.

Erste Tests in Praxen und Instituten fielen durchweg positiv aus. „Durch die Verwendung der Röntgenmessrolle verkürzt sich die Diagnostik für die implantologische beziehungsweise prothetische Versorgung signifikant“, sagt Dr. Georg Bayer, Implantologe aus Landsberg am Lech und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orale Implantologie. „Bereits während der Erstuntersuchung können das Röntgenbild sofort ausgewertet und klinische Aussagen über das vorhandene Knochenangebot und die vertikale Dimension getroffen werden.“

OPG mit Referenzkörpern zur zweidimensionalen Berechnung sind unter anderem für folgende zahnärztlich wichtige Strukturen und Befunde eminent:

  • relevante anatomische Strukturen bei Implantationen, zum Beispiel Kieferhöhlenboden, Dach des Canalis mandibularis, Foramen mentalis, zunehmende Kieferatrophie;
  • relevante Befunde für die Endodontie, zum Beispiel Wurzelkanalverlauf und apikale Veränderungen;
  • relevante Befunde für die Parodontologie, zum Beispiel marginale Knocheneinbrüche und Furkationsbefall.

Die Anwendung ist denkbar einfach: Die Röntgenmessrollen werden vor dem Röntgen rechts und links auf den Kauflächen der unteren Backenzähne positioniert. Nach dem Röntgen werden sie entfernt und entsorgt. Dieser Prozess ist problemlos an die Röntgenassistenz delegierbar.

So fällt auch das Urteil von Dr. Marius Steigmann, Implantologe und Direktor des Steigmann-Instituts, aus: „Die Röntgenmessrolle RöMeR ist schnell und einfach zu handhaben. Sie kann zu jeder OPG eingesetzt werden und spart Arzt und Patienten Zeit und Geld.“

Vorteile und Nutzen im Überblick:

  • keine initiative Situationsabformung, somit geringerer Zeitaufwand
  • Modell und Röntgenschablone im Dentallabor entfallen
  • Arbeits- und Zeitaufwand werden geringer, die Produktivität in der Praxis steigt
  • delegierbar an die Assistenz
  • geringere Kosten für Patienten
  • bei jedem OPG einsetzbar, somit mehr Sicherheit bezüglich Forensik
  • Qualitätsgewinn und Sicherheit steigern die Reputation.

„Auf diese Idee hätte man schon vor 30 Jahren kommen können. RöMeR taugen als Innovation, denn sie sind bei jeder OPG sofort einsetzbar und liefern unmittelbar die erforderlichen Ergebnisse für die diagnostische Planung“, fasst der Schweizer Implantologe Dr. Ernst Fuchs, international tätiger Referent, zusammen.

Die Röntgenmessrolle wird voraussichtlich ab November dieses Jahres auf dem deutschen Markt eingeführt. Weitere Märkte in Europa, den USA und Asien sollen folgen. RöMeR ist über den Fachhandel zu beziehen; der Verkaufspreis wird mit rund drei Euro pro Stück angegeben.


Die Röntgenmessrollen werden vor dem Röntgen rechts und links
auf den Kauflächen der unteren Backenzähne positioniert.

Mit Römer nachgemessene Implantatlänge sowie
später zu implantierende Region.